Takarazuka Revue: Werbung durch Theater

1. Oktober 2022 0 Von maikesarah

Als ein japanischer Eisenbahnmagnat, der Chef der Hankyū-Linie, zu Beginn des 20. Jh. die Endstation seiner Eisenbahnlinie bewerben wollte, hatte er eine recht originäre Idee: Eine Thatergruppe nur aus Frauen. Die Takarazuka Revue hatte für eine kurze Zeit während des 2. WK auch männliche Darsteller, abgesehen davon werden jedoch alle Rollen von Frauen übernommen. Fünf verschiedene Gruppen bespielen das hauseigene Theater sowie eine Niederlassung in Tōkyō im Wechsel vor allem mit Musicals und Revues in einer Stilmischung aus amerikanischen Musicals mit einem Glamourfaktor von 11, Moulin Rouge und ähnlichen Cabarets für die Revues und sehr viel Japanischem im Stil und dem Storytelling. Die Stücke werden entweder zugeschnitten auf die Gruppen In-House geschrieben oder adaptiert für den Typ an Stücken, die zu Takarazuka passen. Gerade unter der weiblichen japanischen Bevölkerung ist das Theater sehr beliebt, und selbst wer kein Superfan ist, kennt es. Im Ausland ist der ganze Zirkus allerdings sehr nischig, da es an englischen Übersetzungen oder regulär kommerziell erwerblichen Aufnahmen etc. fehlt (außer man ist im Fanclub). Thematisiert wird meistens eine Frau-Mann Romanze, wobei der männliche Charakter fast immer im Zentrum steht und die Otokokyaku (Männerschauspielerinnen) die Stars der Gruppen bilden. Die Love-Suicides des Kabuki gibt es ebenso wie chinesische Legenden und europäische Stücke.

Direkt vor dem Bahnhof sieht man die Hauptattraktion

Für mich persönlich steht der musikalische Aspekt im Vordergrund, denn obwohl mit Musicals nicht der Gesang im Vordergrund steht, so ist es doch beeindruckend, gerade die Männerrollen zu hören, da sie eben in Männerhöhe gesungen werden, wobei unter einem tiefen Tenor schwerlich etwas erreicht werden kann. Da eine Freundin ein großer Takarazuka-Fan ist und Kontakte zu Leuten mit Karten hat, ging ich mit ihr zusammen das sehr japanische Stück HiGH & LOW: The Prequel anschauen. Das Ganze ist Teil eines japanischen Gang-Franchises, das sich über alle möglichen Medien erstreckt (wie es in Japan und Korea häufiger der Fall ist). Die Handlung ist recht Banane und eigentlich auch unwichtig, es war mehr als Einstieg gedacht, um zu schauen, ob der allgemeine Stil passt.

Eingangsbereich vor dem Saal

Also fuhren wir von Kyōto mit der Hankyū-Linie für ca. 2 Stunden nach Takarazuka. In der Stadt fiel sofort auf, dass bei Erbauen des Theaters und seiner Umgebung sehr an Frankreich und Italien gedacht worden war, was allerdings in typisch japanischem Stil alles wie aus Plastik aussah und größtenteils wahrscheinlich auch war. Die Straßenlaternen aus Paris, die Dächer aus der Toskana, die Gebäude eher im römischen Stil, manche hatten auch spanische Elemente. Das Theater selbst erinnerte sollte von außen an Rom erinnern, aber die Schriftzüge waren alle in Französisch gehalten, was es zusammen mit den japanischen Texten zu einer recht komischen Mischung machte. So etwas sieht man hier häufiger, aber Takarazuka war die stärkste Konzentration, die mir bisher begegnet war.

Während der Vorstellung natürlich keine Bilder

Die Vorstellung selbst gliederte sich in ca. 1 1/2 Stunden Musical und nach einer Pause noch eine Stunde Revue. Kostüme waren größtenteils exzellent gestaltet und in ihrer Glamurösität an das Setting angepasst. Die Handlung war, wie oben schön erwähnt nicht der Rede wert. Performance und Musik waren für mich die Highlights. Auch wenn nicht alle Darstellerinnen gleich gute Sängerinnen waren, so waren die meisten Hauptcharaktere doch mit guten Stimmen ausgestattet und gerade die Körpersprache war sehr beeindruckend. Das Orchester war ebenso exzellent und hatte neben klassischen Instrumenten auch traditionell japanische und so ziemlich alles andere zur Verfügung. Die Aussprache englischer Wörter war, wie leider zu erwarten, eher schmerzhaft, zum Teil ließ nicht identifizieren, was Englisch sein sollte, und was nur Katakana waren. Im Allgemeinen fand ich es aber, gerade weil ich bei japanischen Inhalten auch über die Handlung hinweg sehen kann und der Rest stimmt, durchaus noch einen Besuch eines anderen Stückes wert.

Der Titel spricht für den Vibe

Weiter ging es nach der Pause mit der Revue „Capricciosa“, die praktisch inhaltsfrei war (hier nach Plan) und teilweise wie der Abschlussaufmarsch eines Zirkus erschien. Das Wort im Titel hat jegliche Bedeutung verloren, aber solange man sich auf die Musik und die Choreographie fokussierte, fand ich es ganz schön. Das Thema sollte Italien sein, was leider weder von Musikstil noch Kostümen konsistent eingehalten wurde (sehr viel spanischer Stil und einiges von „Für Elise“ in einem Segment zu Venedig). Was hier meiner Meinung nach sehr gut hinbekommen wurde, ist ein hohes Maß an Glamour und Cabaret ohne einen Sensory Overload auszulösen, was hier nicht viele Dinge schaffen.

Props und Skripte

Nach dem Stück gingen wir noch Essen, allerdings hatte leider fast alles andere zu, da ein Taifun am selben Tag über Kansai hinwegzog. Das Theater verfügt auch über eine eigene Hall of Fame mit den bekanntesten, ältesten (einige über 60 Jahre Arbeitszeit) und anderweitig besonderen Darstellerinnen und Autoren, sowie einigen Kostümen zu anderen Shows der aktuellen Gruppe, zum Teil auch mit Konzeptzeichnungen. Dies lohnt sich erst wieder wenn eine andere Gruppe Aufführungen gestaltet, da die Kostüme dann angepasst werden. Mit der zum Glück noch fahrenden Hankyū ging es dann abends zurück nach Kyōto (JR war der Meinung, dass schon nach 17 Uhr keine Züge mehr fahren sollten).

Kostüme für den Finalaufmarsch bei einer Revue